Nestflüchter e. V.
Interessenverband frühgeborener Kinder und deren Angehöriger

Eine Kindergeschichte

Hallo!!!
Bestimmt könnt ihr euch im Moment gar nicht vorstellen, dass ich auch einmal klein angefangen habe...





In meinem kuscheligen Nestchen aus einem Lagerungskissen und einem Fell fühle ich mich richtig geborgen und sicher. Es erleichtert mir meine Bewegungen, ich spüre meine Körpergrenzen und fühle, wie ich im Inkubator liege. Da ich so helles Licht noch nicht gewohnt bin, liegen farbige Tücher auf meinem Inkubator. Sie geben ganz sanftes Licht und schützen so meine empfindlichen Augen.
Oft brauche ich am Anfang noch Hilfe beim Atmen. Dafür haben mir die Ärzte und Schwestern einen weichen Beatmungsschlauch (Tubus) durch die Nase in meine Luftröhre gelegt.
Das Beatmungsgerät kann jetzt das Atmen für mich übernehmen oder mir dabei helfen.


Damit den Schwestern nichts entgeht, haben sie mir ganz viele Pflaster (sie nennen sie Elektroden) auf die Brust und den Bauch geklebt. Diese sind über viele Kabel mit dem Monitor verbunden, der meinen Herzschlag, meine Atmung und meine Sauerstoffwerte überwacht.
Wenn irgendetwas nicht so ist, wie die Schwestern es wollen, piept dieser Monitor ganz laut, und gleich ist eine Schwester da, die sich um mich kümmert.


Ich nuckel gern an meinen eigenen oder an deinen Fingern, auf Saugern oder Wattestäbchen. Die schmecken ganz lecker, weil sie in Muttermilch oder andere Babymilch getaucht sind. Gleichzeitig trainiere ich damit den Saugreflex, sagen die Schwestern. Bald werde ich auch alleine trinken können.
In der ersten Zeit bekomme ich mein Essen überwiegend mit einer Spritze durch eine Magensonde. (Sie nennen das "Sondieren"). Das Sondieren lernt ihr auch ganz schnell und dann bringt das Essen doppelt so viel Spass.


  In einem Blutgefäß an meinem Kopf hängt ein kleiner weicher Kunststoffschlauch. Der hat mit beim Anbringen etwas weh getan, jetzt stört er mich überhaupt nicht.
Über die Infusion - die Schwestern sagen Tropf dazu - erhalte ich Flüssigkeit und Medikamente.




Während dieser Zeit Mama und Papa, brauche ich eure Zärtlichkeit, Zuneigung und Zuversicht, damit ich all die neuen Eindücke besser verarbeiten kann. Zu Beginn braucht ihr bestimmt auch etwas Mut und Zuspruch, um mich anfassen und streicheln zu können. Aber auch wenn ich sehr klein und zerbrechlich aussehe, mag ich eure ruhigen deutlichen Berührungen sehr gern.
Besonders gern habe ich eine Hand auf meinem Köpfchen und die andere an meinen Fußsohlen. Es gefällt mir auch sehr gut, wenn ihr mir einen Finger gebt an dem ich mich festhalten kann. Auch ein Kuscheltuch zum Zudecken finde ich angenehm. Wenn es dann auch noch nach meiner Mama riecht, habe ich richtig das Gefühl, von ihr beschützt zu werden.
Wenn Ihr mal nicht da seid, um mir etwas zu erzählen oder vorzulesen, freue ich mich über eine Kassette mit einer Geschichte oder Musik von euch.
Ein ganz besonderes Erlebnis ist für mich das Kuscheln mit euch. Die Schwestern nennen das "Känguruhing". Haut auf Haut mit Mama oder Papa zusammen zu sein und euch zu spüren ist einfach das Tollste, was es gibt. Auch Euch wird es sehr gut gefallen, und gemeinsam werden wir uns entspannen. So sind wir uns ganz nah und lernen uns noch besser kennen.
Damit wir das Kuscheln genießen können, plant ihr den richtigen Zeitpunkt gemeinsam mit der Schwester. Kuscheln können wir übrigens auch mit all meinen Schläuchen und Kabeln. Ich freu mich auf Euch im Kuschelstuhl.
Die erste Hürde haben wir genommen, wenn ich meine Beatmungsschläuche nicht mehr brauche. Dabei unterstützt mich die Krankengymnastin. Sie streicht und vibriert über meine Brustkorb. Damit hilft sie mir, meine Atmung zu vertiefen und den vorhandenen Schleim loszuwerden.
Ich turne auch regelmäßig mit der Krankengymnastin. Dabei entdecke ich meinen Körper; ich bewege mich gegen die Schwerkraft und trainiere meinen Gleichgewichtssinn. Dieses übe ich in Rücken- und Seitenlage in meinem Nest und in Bauchlage auf meinem Steg. Das sieht zwar manchmal recht lustig aus, gibt mir aber Halt und Sicherheit.
So fühle ich mich richtig wohl
Irgendwann kommt der Tag, an dem ich in mein Wärmebettchen umziehe. Jetzt trage ich bereits einen richtigen Strampler und bin sehr stolz darauf. Trotzdem ist die Matratze noch beheizt und hilft mir so meine Körpertemperatur langsam selbst zu regulieren.
Ich kann auch in einer Hängematte liegen.
Wenn ich einen Bruder oder eine Schwester habe, können wir hier endlich so richtig miteinander kuscheln.





Jetzt lerne ich, selbstständig zu trinken. Am Anfang bekomme ich noch kleine Portionen von euch. Damit das Trinken gut klappt, stimuliert die Krankengymnastin alle zum Saugen und Schlucken notwendigen Muskeln. Beim Trinken mit einem für mich geeigneten Sauger erhaltige ich die notwendige Unterstützung im Mundbereich. So ist meine Magensonde bald überflüssig und kann endlich herausgezogen werden.
Am besten gefällt es mir wenn ich gestillt werde.



Ich freue mich sehr darüber, das die Krankengymnastinnen euch genau zeigen, wie ihr mir täglich etwas helfen könnt. Dabei lernt ihr, mich zu wickeln oder zu sondieren. Außerdem könnt ihr mich bald selbst waschen und baden, umdrehen und tragen. All dieses nennen die Schwestern "Handling".
Für mich bedeutet es, dass ich dabei mithelfen kann und mich wohlfühle.
So übernehmt ihr Tag für Tag etwas mehr Verantwortung für mich, und wir werden als Team nach Hause gehen. Wenn wir zu Hause noch Unterstützung brauchen, werden uns unser Kinderarzt und unsere Physiotherapeutin weiterhelfen.


S. Hinrichsen für den Prospekt "Die Insel" des Klinikums Itzehoe



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